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Von Heinrich von Grünigen um 21:02 |
Wir alle, die wir mit dem Gewicht und dem, was damit zusammenhängt, zu kämpfen haben, kennen ihn aus dem Effeff und aus leidvoller Selbsterfahrung: den bösen alten JoJo-Effekt, der sich wie zur Strafe immer dann einstellt, wenn wir uns einseitig und radikal einer ungesunden Diät verschrieben haben. Er lässt unser Gewicht auch nach erfolgreicher Abnahme innert kürzester Zeit wieder hochschnellen, über den ursprünglichen Ausgangspunkt hinaus… physikalisch müsste man sogar von einem Perpetuum Mobile sprechen, denn das sinnbildliche JoJo hüpft am Ende höher hinaus, als es gestartet ist.
Natürlich wissen wir auch, woher das kommt. Der Stoffwechsel stellt sich bei Mangel-Ernährung auf Sparflamme um, drosselt den Energiebedarf des Körpers, baut Muskelmasse ab und legt wie verrückt neue Reserven an, sobald er wieder einigermassen ausreichen Nahrung bekommt… Mit Bewegung kann man die Muskeln erhalten und die Auswirkungen des Meister JoJo etwas einschränken, aber es ist eine harte Tour.
Nun habe ich heute am Fernsehen eine neue Interpretation bzw. Definition gehört, die zwar recht absurd anmutet, aber dennoch einleuctet. Sie stammt von der bildlichen Verkörperung des amerikanischen Herrn Jedermann, von Homer Simpson aus Springfield. Homer soll in einem Film mitwirken, dafür ist er aber zu dick und muss daher abnehmen. Er bekommt einen Personal Trainer. Bei der ersten Begegnung wehrt er ab, er könne gar nicht abnehmen, er leide nämlich am JoJo-Effekt! Und der gehe so: wenn er zum Beispiel einen Donut sehe, rufe er: Jo, gebt mir den Donut! und: Jo, her mit dem Hamburger, Und: Jo, noch ein Bier..!
So also, geplagt von seinem ganz persönlichen Jo!-Jo!-Effekt gelinge es ihm nie, erfolgreich abzunehmen. Und tatsächlich. Zwar trainiert ihm der Coach mit hartem Sport den Bauch ab und Sixpacks an, aber nach kürzester Zeit schwappt die Wampe wieder über den Kostümrand und Homer treibt die Filmcrew zur Verzweiflung. Sein Schicksal soll(te) uns eine Lehre sein.
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Von Heinrich von Grünigen um 23:02 |
Meist, wenn man in Eile ist, kommt es zu Verzögerungen. Das war kürzlich der Fall, als ich noch schnell in der Migros etwas besorgen musste. Ich war schon zu spät dran, es ging um einen einzigen Artikel, und so wählte ich die Express-Kasse, bei der ich sicher sein konnte, dass niemand mit einer ganzen Wagenladung und Cash-Card und weiss nicht was für Cumulus-Abrechnungen mich aufhalten würde.
Eine einzige Kundin stand da, ihre wenigen Artikel auf dem Band. Die Kassiererin zog die Waren routiniert über den Scanner – bis sie stutzte. Es machte auch beim zweiten Mal nicht Biip und sie realisierte, dass das Gemüse in dem Plasticsack nicht abgewogen war, dass die Etikette mit dem Code und der Preisangabe fehlte.
Mit einem unhörbaren Seufzer machte sie sich auf den Weg durch das Verkaufslabyrinth in die Gemüseabteilung (nebenbei: ich verstehe nicht, weshalb man für solche Fälle nicht eine spezielle Waage unmittelbar bei den Kassen installiert). Da hatte es mich also wieder einmal erwischt, das Prinzip von der schlimmstmöglichen Wendung, und ich schaute innerlich brummend zu, wie die anderen Schlangen links und rechts zügig vorankamen.
Die Kundin, die durch ihr Nicht-Wägen die Verzögerung verursacht hatte, blickte mich wie entschuldigend an und sagte dann: Jetzt wo wir Zeit haben – sind Sie nicht der Herr von Grünigen? Ich nickte. Sie outete sich als regelmässige Blog-Leserin und verriet mir, dass sie sich meine Texte mit grossem Interesse zu Gemüte führe. Solch öffentliches Lob macht mich immer ein wenig verlegen… und zugleich natürlich auch stolz, denn es belegt doch, dass es da draussen ein Publikum gibt, das ab und zu den innerlichen Gefällt mir-Knopf drückt, und dass ein Teil der Botschaften wahrscheinlich ankommt.
Das Lachen, sagt man, sei der Lohn des Clowns. Auch wenn er keine rote Nase hat.
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Von Heinrich von Grünigen um 15:02 |
So fangen bekanntlich Märchen an. Uralt und märchenhaft sind die Phantasien vom “mühelosen” Abnehmen, ohne dass man seine Ernährung umstellen müsste und ohne dass man sich mit vermehrter Bewegung quälen sollte… Dass dies nicht bloss zeitgeistige Schalmeientöne geschickter Profitmacher und Scharlatane sind, das zeigt ein Blick in die Vergangenheit.
Was wurde nicht früher (schon) alles als Wundermittel gegen zuviele Pfunde angepriesen! Wenn man das Design etwas aktualisieren würde, könnte man direkt meinen, es gehe um aktuelle TV-Werbung. Da sind die Ladies, die in den Rüttelgurten hängen und sich ihre schwabbeligen Wampen durchkneten lassen… – Es gab eine “Adipositas-Seife”, mit der man sich nur regelmässig waschen musste, und schon würden die Kilos nur so weggespült! – Wie der “Spot Fat Reducer” funktionieren sollte, habe ich nicht herausgekriegt: er sieht mir aus wie ein kleines Hand-Massage-Gerät, mit dem man gezielt einzelnen Pölsterchen zu Leibe rücken könnte… – Ganz apart ist die “Transportable Fett-Schmelz-Sauna”, in die man sich zum Abnehmen legen konnte. – Die Knetmaschine für Bauch und Hinterteil (in die man sich voll angekleidet stellte) könnte aus einer alten Folterkammer stammen, und das richtige Abführmittel (“Galle-Bohnen”) sorgte von Innen heraus durch die populäre “Entschlackung” für strahlende Schönheit. – Dank den modellierenden Stütz-Elementen aus Gummi von Frau Dr. Jeanne Walter liess sich Fett an jeder beliebigen Stelle des Körpers einfach “weg-schwitzen”… – Und der elektrische Impuls-Gurt könnte direkt aus unserer heutigen Zeit stammen.
Es ist frappant, wie die Hoffnung und der Glaube, es gebe bequeme Wege zum Schlanksein all die Jahrzehnte überdauert haben. Und wenn sie nicht gestorben sind, so glauben sie es heute noch…
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Von Heinrich von Grünigen um 21:14 |
Das ist eine reichlich absurde Debatte, die derzeit in England geführt wird. Die Verantwortlichen einer nationalen Arbeitsgruppe für ein Programm gegen Adipositas schlagen allen Ernstes vor, die Ärzte sollten künftig im Gespräch mit ihren PatientInnen den Fachbegriff Obesity (Adipositas) vermeiden, da er in seiner Direktheit als verletzend empfunden werden könnte.
Man solle lieber von einem gesünderen Gewicht sprechen, das wirke motivierender und wecke keinen Abwehrreflex. Auch in Briefen des Schulaztes an Eltern übergewichtiger Kindes sollten Begriffe wie “Fettsucht” oder (sinngemäss) “Adipositas” vermieden werden, um die Kinder nicht zu entmutigen.
Die Verantwortlichen des National Obesity Forum (ein mit unserer Stiftung vergleichbares Netzwerk) halten nichts von dieser sprachlichen Camouflage. Im Gegeneil. Eine wissenschaftlich klare Benennung des medizinischen Befundes schaffe eine neutrale, sachliche Grundlage und schliesse jedes Missverständnis aus.
In unserem Sprachgebrauch gibt es die Redewendung Ross und Reiter benennen. Das bedeutet soviel wie: sagen, worum es in Wirklichkeit geht, nichts beschönigen und nicht um den heissen Brei herum reden. Der britische Sprachenstreit erinnert mich an die sogenannte political correctness, die in den USA zu so absurden Auswüchsen geführt hat wie zur Formel “horizontal herausgefordert” als Ersatz für den Begriff “dick”! Jede sprachliche Verschleierung führt von der Lösung der Probleme weg und ist alles andere als hilfreich.
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Von Heinrich von Grünigen um 23:34 |
Schlechte Kunde für Schönheitsbewusste. Ein Forscherteam in Brasilien will herausgefunden haben, dass Körperfett, welches aus kosmetischen Gründen abgesaugt wurde, die Tendenz hat, einfach etwas tiefer, im Körperinneren, wieder nachzuwachsen. Denn das Fettgewebe ist nicht bloss ein stiller Energie-Speicher, es führt als sogenannt endokrines Organ ein Eigenleben, produziert Hormone und weitere Substanzen, die aktiv in den Fett- und Zuckerstoffwechsel des Körpers eingreifen.
Einen Hoffnungsschimmer lassen die Studien von Prof. Fabiana Benatti von der San Paulo-Universität: wer sich nach dem Fettabsaugen ausreichen bewegt und sportlich betätigt, bei dem unterbleibt der neuerliche Fett-Nachwuchs.
Dass Fettabsaugen (Liposuction) kein Mittel gegen Übergewicht und Adipositas ist, das hat sich inzwischen einigermassen herumgesprochen. Es ist allenfalls eine – wenn auch mit Risisken behaftete – Hilfe gegen kosmetische Pölsterchen am falschen Ort, wenn es um die Eitelkeit geht… Dass aber ein solcher Eingriff längerfristig gerade einen gegenteiligen Impuls setzen kann und möglicherweise zu einer Zunahme der viszeralen Körperfettes rund um die inneren Organe führt, mit allen negativen Konsequenzen, das ist eine neue Perspektive, vor welcher bisher auch die im Liposuction-Business – und dieses liegt nach wie vor im Trend, auch bei Männern – tätigen Chirurgen nichts gesagt bzw. gewusst haben.
Im Moment beruht die neue Erkenntnis noch auf einer schmalen Versuchs-Basis (36 an sich normalgewichtige Frauen mit “ästhetisch ungünstiger” Fettverteilung). Es bleiben Resultate grösserer Testreihen abzuwarten, und vor allem dürfte interessant sein, ob diese sinngemäss auch für andere Arten der “Fettzerstörung” gelten, etwa durch Laser, Wärme oder Schall-Wellen… Und unmissverständlich wird ein weiteres Mal bestätigt: Bewegung ist im Zusammenhang mit der Bildung von Bauchfett ein zentraler Faktor.
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Von Heinrich von Grünigen um 23:16 |
Vor mir liegt ein Stapel bedruckter Blätter. Es mögen an die 300 sein, die der Printer ausgespuckt hat. Es ist der offizielle Evaluationsbericht, der zuhanden des Bundesamtes für Gesundheit erstellt worden ist. Er soll Aufschluss darüber geben, wie das Funktionieren des Nationalen Programms Ernährung und Bewegung 2008-2012 in Fachkreisen wahrgenommen und wie dessen Wirken beurteilt wurde.
Vor einem Jahr hatte ich selber im Namen der Organisationen, die wir vertreten, auf die gestellten Fragen Antwort gegeben, nicht wissend, wie sich all die andern Akteure äussern würden, welche in die Erhebung einbezogen waren. Mit einiger Spannung habe ich mich deshalb – zunächst diagonal – durch das Papier gewühlt.
Interessant dabei, zu sehen, was aus den einzelnen Fragestellungen in einer Gesamtschau geworden ist. Die Punkte, die ich ausformuliert hatte, finden sich erkennbar in den Seiten des Berichts wieder. Anerkennung und Zweifel werden von den anderen Konsultierten weitgehend übereinstimmend geteilt.
Im Wissen darum, dass eine solche Beurteilung immer heikel ist, weil Vieles nicht eindeutig messbar bleibt, sondern auf Einschätzungen und Ansichten beruht, sehen wir doch, dass die Berichterstatter eine insgesamt positive Bilanz ziehen, indem sie dem nationalen Programm attestieren, dass es in die richtige Richtung geht, dass es bereits in den vier Jahren seiner Laufzeit konstruktive und nützliche Impulse gesetzt hat. Auch wenn es künftig noch Manches zu verbessern gilt.
Diese Qintessenz hat schliesslich den Bundesrat auch bewogen, das Programm – neben zwei anderen betreffend Tabak- und Alkoholkonsum – um weitere vier Jahre zu verlängern. Die Aufbauarbeit ist getan, jetzt kann man sich an die konkrete Umsetzung und Realisierung machen.
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Von Heinrich von Grünigen um 23:38 |
Man kennt es unter dem Begriff Functional Food. Es sind Lebensmittel, denen ein Stoff zugefügt wurde, der beim Konsumenten eine Wirkung auslöst, welche das Lebensmittel als solches nicht hätte. In den meisten Fällen geht es um eine positive Wirkung auf die Gesundheit und/oder das Wohlbefinden. Als der Begriff vor Jahrzehnten aufkam, setzte ein richtiger Boom ein, man – die Lebensmittelindustrie – versprach sich davon ungeahnte Zuwachsraten.
Inzwischen ist der Boom etwas abbgeflacht, denn der Wildwuchs, der auch zu Missbrauch und Täuschung geführt hatte, musste durch entsprechende Gesetze und Verordnungen verhindert oder doch eingedämmt werden. Heute erlässt die EU nach strengsten Richtlinien Zulassungen. Anpreisende Aussagen, die eine “Heilung” im Krankheitsfall versprechen, sind schlicht verboten. Aber natürlich wird alles unternommen, um mit innovativen Lösungen die Grenzen der Gesetzgebung auszuloten.
Dieser Thematik galt heute eine Tagung des Ernährungs-Netzwerks nutrinet.ch, bei der es nicht nur um die Sicht des Gesetzgebers und der Anbieter ging, sondern auch um den Standpunkt der Verbraucher, deren Erwartungen und Einstellungen wissenschaftlich untersucht wurden. Ein interessantes Resultat solcher Forschung ist z.B. die Feststellung, dass Leute, die regelmässig Fnctional Food mit erhoffter positiver Wirkung auf die Gesundheit zu sich nehmen, damit bewusst oder unbewusst ihren sonstigen, nicht so gesundheitsförderlichen Lebensstil zu kompensieren versuchen… – Functional Food also gewissermassen als Feigenblatt für ungesunde Lebensweise?
Die Zukunft – da waren sich die Experten einig – gehört nicht einem gesunden Wunder-Produkt, das die breite Masse ansprechen würde, sondern sie gehört massgeschneiderten Angeboten, die präzise abgestimmt sind auf individuelle Krankheits- oder Befindlichkeitsbilder. Ob dafür allerdings der freie Markt eine Rendite garantiert, das ist eine andere Frage.
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Von Heinrich von Grünigen um 23:11 |
Während hierzulande die bürgerlichen Partisanen des Eigennutzes verbissen gegen alles ankläffen, was nach Prävention aussieht, werden in Amerika die Alarmglocken geläutet. Eine Prognose besagt, dass bis zum Jahr 2030 der Anteil der adipösen Amerikaner (mit BMI über 30) von derzeit 36% auf 42% steigen wird. Ein weiteres Drittel der Bevölkerung ist übergewichtig, so dass der Anteil der Übergewichts-Betroffenen gegen 80 % gehen wird. Dies ist nicht “nur” ein gesundheitliches Problem sondern geht überdies ins Geld, und zwar massiv.
Die Adipositas-Epidemie drohe die Volkswirtschaft zu ruinieren, warnen die Wissenschafter. Dabei sehen sie die Schuld weniger beim Einzelnen und dessen allfälligem Fehlverhalten, sondern klar in der Masslosigkeit und Profitgier der Lebensmittelindustrie, die dringend staatlicher – wenn auch dosierter – Eingriffe bedürfe.
Bei uns sind die Zahlen noch nicht so ausgeprägt, aber der Trend geht in eine ähnliche Richtung. Es ist daher zu begrüssen, dass der Bundesrat diese Woche beschlossen hat, das nationale Ernährungs- und Bewegungs-Programm um weitere vier Jahre zu verlängern. Dies ermöglicht behutsame Ansätze zur Realisierung international anerknnter Massnahmen, sofern es gelingt, auf gesetzgeberischer Ebene – etwa bei der Revision der Agrarpolitik und des Lebensmittelgesetzes – mitzuhalten.
Wir sind gespannt, ob die Signale aus Übersee von den hiesigen Freiheitskämpfern wahrgenommen und verstanden werden.
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Von Heinrich von Grünigen um 23:30 |
Er leidet an poaranoiden Schüben, sieht ungesund aus, hinkt, ist cholerisch und aufbrausend, unberechenbar… kurz: er vereinigt alle Eigenschaften, die man sich eigentlich bei einem Medizinmann nicht wünschen würde. Und doch ist er offenbar einer, dem nicht nur die Frauen vertrauen.
Dr. House ist ein Ekelpaket, der ein schlechtes Licht auf die ganze Sippe der Halbgötter in Weiss zu werfen scheint, und trotzdem praktiziert er mit Erfolg. Das könnte sich vielleicht ändern, wenn Schule macht, was ein Spital in Texas eingeführt hat: dort werden nämlich neuerdings Ärzte, die zu dick sind – die Grenze ist ein BMI von über 35 – gar nicht mehr eingestellt. Mit der Begründung, medizinisches Personal müsse für die Patienten Vorbildfunktion haben und ein Doktor, der sein eigenes Gewichtsproblem so offensichtlich nicht im Griff habe, könne für seine Klientel nicht glaubwürdig sein.
Darf eine Klinik solche Zulassungs-Kriterien aufstellen? Oder handelt es sich hier um eine unerträgliche Diskriminierung übergewichtiger Menschen? – In der Berichterstattung und in der Diskussion werden Argumente pro und contra vorgebracht. Auf der einen Seite gibt es in USA offenbar keine gesetzliche Grundlage, welche solche Entscheide verbieten würde, es gibt auch Überlegungen, die eine solche Selektion rechtfertigen, etwa wenn durch das übermässige Körpergewicht eines Chirurgen dessen physische Fähigkeit beeinträchtigt wäre, eine komplizierte Operation durchzustehen, was wiederum den Patienten gefährden könnte…
Aber grundsätzlich stösst eine spolche Perspektive beim medizinischen Personal auf Skepsis und Ablehnung. Mit gleichem Recht, heisst es, könnten Bewerber abgelehnt werden, die eine risikoreiche Sportart pflegen, die Rauchen, die dem Alkohol nicht abgeneigt sind, oder die gerne schnelle Wagen fahren… – Was ist ihre Meinung in dieser Kontroverse?
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Von Heinrich von Grünigen um 16:07 |
Es war keine leichte Ferien-Lektüre. 3096 Tage – so heisst das autobiografische Buch, in dem Natascha Kampusch die Geschichte ihres acht Jahre dauernden Martyriums im Kellerverlies ihres Entführers beschreibt.
Die Vorstellung, dass es sich hier nicht um eine erfundene Geschichte handelt sondern um erlebte, erlittene Realität, um wirkliche Panik, Ängste, Not, Verzweiflung, um Misshandlungen und unsägliche Schmerzen – und gleichzeitig um eine absurde Form der kindlichen Abhängigkeit und doch Hingabe an eine Person, deren Peinigung als einzige Form von Zuneigung wahrgenommen wurde… diese Vorstellung ist beklemmend und lässt einen auch nach dem Lesen nicht so bald wieder los.
Ein Element dieser wahnwitzigen Leidensgeschichte ist der Ernährungs-Komplex. Vor ihrer Entführung war die zehnjährige Natascha ein pummeliges Mädchen, das bei innerfamiliären Spannungen gern Zuflucht beim Essen suchte und das unter Gleichaltrigen all den leider üblichen Formen der subtilen Diskriminierung ausgesetzt war, demzufolge mit sich selber und ihrem Körper unzufrieden war, an mangelndem Selbstwertgefühl litt.
In der ersten Zeit ihrer Gefangenschaft erfüllte der Entführer ihr den einen oder anderen Wunsch nach Esswaren – im Sinne einer Belohnung für angepasstes Verhalten. Mit der Zeit begann er jedoch – so wie sein Opfer im Heranwachsen zur jungen Frau vermehrte Eigenständigkeit und Bereitschaft zum Widerspruch an den Tag legte – das Essen als Disziplinierungsmassnahme einzusetzen. Er redete ihr ein, sie sei viel zu dick und hässlich, er setzte sie auf eine rigorose Mangelernährung, so dass sie lange Zeit am Rande der physischen Erschöpfung dahin vegetierte und alle Anzeichen einer krassen Anorexie aufzuweisen begann, mit einem BMI von 14,5, was nach der WHO-Skala absolut lebensbedrohlich ist.
Im Rückblick schildert Kampusch ihre Erfahrungen in diesem existenziellen Grenzbereich glasklar und bedrückend, die Symptome und die Halluzinationen, die Wahnvorstellungen von imäginärem Essen, mit denen sie sich über die Hungerperioden hinweg half, bis zum Zustand der totalen Erschöpfung und der Bewusstlosigkeit… – All die Phänomene, die uns aus den Theorie- und Lehrbüchern eigentlich vertraut sind, erstehen hier zur erlebten Wirklichkeit und können verstanden und begriffen werden. Diese Passagen allein machen das Buch, das schon vor einiger Zeit erschienen ist, lesenswert.
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